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Es schneit.

Die Schneeflocke die an Marthas Fenster klebte war nicht größer als ein Stecknadelkopf.

Die Schneeflocke, die an Marthas Fenster klebte, war nicht größer als ein Stecknadelkopf, und doch schien sie das gesamte Universum in ihrem Kristall gefangen zu halten.

Der Dezemberabend kroch über Dresden wie ein langsamer weißer Atemzug.

Der Dezemberabend kroch über Dresden wie ein langsamer, weißer Atemzug. Martha saß an ihrem Fenster im dritten Stock der alten Altbauwohnung, die Hände um eine Tasse Tee gekrallt, die längst kalt geworden war. Draußen trieb der Schnee in dichten Flocken an der Scheibe vorbei, ein endloser Strom aus weißen Punkten, der die Stadt in eine stumme, flauschige Decke hüllte. Die Heizung ratterte leise, das einzige Geräusch in der Wohnung. Ihre Finger trommelten gegen den Keramikrand. Sie hatte den ganzen Tag nichts getan, nur dagesessen und zugesehen, wie die Dächer der Neustadt verschwanden. Die Kirchtürme der Frauenkirche, die man von hier aus sehen konnte, wenn der Himmel klar war, waren nur noch verschwommene Schatten. Eine einzelne Flocke landete auf der äußeren Fensterscheibe und blieb dort haften. Martha beugte sich vor. Die Flocke war perfekt geformt, ein filigranes Gitter aus sechs Armen, jedes mit winzigen Verzweigungen. Sie zögerte, den Atem anzuhalten, aus Angst, sie könnte wegschmelzen. Kein anderer Schnee in dieser Nacht glich diesem Gebilde. Dann bewegte sich die Flocke.

Sie dachte zuerst an einen Reflex an die Bewegung des Lichts an ihre müden Augen.

Sie dachte zuerst an einen Reflex, an die Bewegung des Lichts, an ihre müden Augen, die ihr einen Streich spielten. Aber die Flocke bewegte sich weiter. Sie drehte sich langsam um ihre eigene Achse, und aus ihrem Inneren drang ein Laut, so leise, dass Martha ihn beinahe überhörte. Ein Klingeln, wie von einer winzigen Glocke. Es war nicht scharf, nicht unangenehm. Es klang wie der erste Ton einer fernen Kinderstimme, die ein Lied anstimmte. Sie legte die Tasse ab. Ihre Hand zitterte, als sie die Scheibe berührte. Das Glas war eiskalt. Die Flocke berührte ihre Fingerspitze durch das Glas hindurch, und für einen Sekundenbruchteil spürte Martha eine Wärme, die nicht von ihrer eigenen Haut kam. Dann sprach die Flocke. Hallo, Martha. Ihre Hand fuhr zurück. Sie starrte auf das Gebilde aus Eis und Kristall, das da an ihrer Scheibe klebte, und ihr Herz schlug einen Takt, der ihr nicht gehörte. Du kannst mich hören, fuhr die Flocke fort. Ihre Stimme war nicht laut, aber sie füllte den Raum, als käme sie aus allen Ecken der Wohnung zugleich. Ich bin schon lange unterwegs. Martha schloss die Augen. Sie öffnete sie wieder. Die Flocke war noch da. Ich bin verrückt, flüsterte sie. Das bist du nicht, sagte die Flocke. Du bist nur die Erste, die mich gesehen hat.

Martha lehnte sich zurück und starrte auf die Flocke.

Martha lehnte sich zurück und starrte auf die Flocke. Sie konnte nicht sagen, warum sie nicht aufstand und wegging. Vielleicht war es die Einsamkeit. Vielleicht die Neugier. Vielleicht der Gedanke, dass in diesem Augenblick etwas geschah, das ihren langen, stillen Dezemberabend in etwas anderes verwandelte. Erzähl mir, sagte sie. Woher kommst du? Die Flocke drehte sich ein Stück weiter. Ich komme von oben, sagte sie. Von weit oben. Über den Wolken, dort wo die Luft dünn ist und kein Mensch mehr atmen kann. Ich bin mit vielen anderen gefallen, einer unendlichen Schar, aber ich habe mich entschieden, hier zu bleiben. Warum hier? Die Flocke schwieg einen Moment. Weil ich ein Fenster gesehen habe, das anders war als alle anderen. Ein Fenster, das noch offen war. Nicht im Glas, nicht im Holz. Offen in dem Menschen, der dahinter saß. Martha spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie wischte sie weg mit einer raschen Bewegung. Du weinst, sagte die Flocke. Das habe ich noch nie gesehen. Martha lachte leise, ein unterdrücktes, raues Geräusch. Du hast noch nie jemanden weinen sehen? Die Flocke zögerte. Schneeflocken sehen viel, aber wir verstehen es nicht. Wir sehen die Erde, die Dächer, die Bäume. Aber wir sehen nicht die Menschen. Wir sind zu klein, und sie sind zu groß, und sie sind immer in Bewegung. Nur du nicht.

Die nächsten Stunden verschmolzen.

Die nächsten Stunden verschmolzen. Martha erzählte der Flocke von ihrer Kindheit, von den Wintern, die sie in einem kleinen Dorf im Erzgebirge verbracht hatte. Von den Schlittenfahrten, die sie mit ihrem Großvater unternommen hatte, wenn der Schnee so hoch lag, dass die Häuser bis zu den Fenstern eingeweht waren. Der Großvater hatte einen alten Holzschlitten besessen, rot angestrichen, mit einer Kufe, die bei jeder Fahrt ein eigenes Lied sang. Martha hatte sich auf den Schlitten gesetzt, die Hände in dicke Fäustlinge gesteckt, und der Großvater war hinter ihr hergelaufen, bis der Hang sie beide trug. Die Flocke lauschte, ohne zu unterbrechen. Das Kristall an der Scheibe schien heller zu leuchten, als Martha von den Abenden erzählte, an denen sie am Fenster gesessen und den Schneeflocken zugesehen hatte, während die Großmutter Geschichten vorlas. Ich habe dich gesehen, sagte die Flocke plötzlich. Martha hielt inne. Was meinst du? An einem dieser Abende. Als der Schnee so hoch lag, dass du nicht mehr durch die Tür konntest. Du hast am Fenster gesessen, und deine Großmutter hat dir ein Märchen vorgelesen. Ich bin an dieser Scheibe vorbeigekommen. Ich war damals noch eine andere Flocke, aber ich erinnere mich.

Martha stand auf und ging zum Schrank.

Martha stand auf und ging zum Schrank. Sie öffnete die Tür und nahm eine alte, verstaubte Schachtel vom obersten Regal. In der Schachtel lagen Fotos, Briefe, ein paar Zeitungsausschnitte. Und ganz unten, in einem weichen Tuch eingewickelt, lag ein kleiner Holzschlitten. Es war nicht der Schlitten des Großvaters. Es war ein anderer, kleiner, mit einer Kufe, die einen Sprung hatte. Die Flocke sah zu, wie sie ihn herausnahm und auf den Tisch legte. Den habe ich selbst gebaut, sagte Martha. Ich war sechs Jahre alt. Der Großvater hat mir geholfen, die Kufen zu befestigen. Wir sind damit den Hügel hinter dem Haus hinuntergefahren. Einmal bin ich gestürzt, und der Schlitten ist gegen einen Baum geprallt. Sie strich über den Sprung in der Kufe. Ich dachte, er sei kaputt. Aber der Großvater sagte, dass kaputte Dinge manchmal die besten Geschichten haben. Die Flocke schwieg. In ihrem Inneren zuckte ein winziges Licht, so hell, dass es das ganze Zimmer für einen Augenblick erleuchtete. Du hast immer noch diesen Schlitten, sagte sie. Das ist gut. Du hast etwas bewahrt, das andere wegwerfen würden.

Martha setzte sich wieder ans Fenster.

Martha setzte sich wieder ans Fenster. Die Nacht war inzwischen so dunkel geworden, dass die Lichter der Stadt in den Schneeflocken tanzten. Die Flocke an ihrer Scheibe leuchtete in einem blassen, silbernen Schimmer. Was siehst du, wenn du an anderen Fenstern vorbeikommst?, fragte Martha. Die Flocke drehte sich. Ich sehe viele Dinge. Ich sehe ein Fenster, in dem ein Mann sitzt und auf seinen Computer starrt. Er schreibt E-Mails, die niemand lesen wird. Ich sehe ein Fenster, in dem eine Frau weint, weil ihr Mann nicht nach Hause kommt. Ich sehe ein Fenster, in dem ein Kind einen Schneemann malt, der nie schmelzen wird. Und die Fenster, die geschlossen sind? Die Flocke schwieg. Geschlossene Fenster sind die traurigsten, sagte sie. Sie zeigen nichts. Sie lassen niemanden herein. Aber sie haben die meisten Geschichten. Martha nickte. Sie kannte diese Fenster. Sie selbst hatte viele Jahre hinter einem geschlossenen Fenster gelebt, die Vorhänge zugezogen, die Welt draußen ausgeschlossen. Bis heute.

Im Morgengrauen als der Schnee aufgehört hatte zu fallen stand Martha auf und zog sich an.

Im Morgengrauen, als der Schnee aufgehört hatte zu fallen, stand Martha auf und zog sich an. Sie nahm den kleinen Holzschlitten mit dem Sprung in der Kufe und ging die Treppe hinunter. Die Flocke war nicht mehr an der Scheibe, aber sie hatte ihr eine letzte Nachricht hinterlassen. Ein leiser, klirrender Ton, der in der Luft hing, als sie die Haustür öffnete. Dann ein Flüstern. Folge mir. Martha ging den verschneiten Bürgersteig entlang, den Schlitten unter dem Arm. Die Stadt war still, die Straßen leer. Sie wusste nicht, wohin sie ging, aber ihre Füße trugen sie, als hätten sie ein eigenes Gedächtnis. Sie erreichte den Elbhang, dort wo der Weg steil abfiel. Der Schnee lag hoch, unberührt. Martha setzte den Schlitten auf den Boden, zog die Fäustlinge an und setzte sich. In diesem Augenblick fiel eine einzelne Schneeflocke auf ihre Wange. Sie war warm.

Der Schlitten glitt los langsam zuerst dann schneller.

Der Schlitten glitt los, langsam zuerst, dann schneller. Der Sprung in der Kufe verursachte ein leichtes, rhythmisches Wackeln, das an die alte Melodie erinnerte, die ihr Großvater gepfiffen hatte. Die Stadt, die Elbe, die Dächer der Neustadt zogen vorbei, ein verschwommenes Panorama aus Grau und Weiß. Martha schloss die Augen. Der Wind zerrte an ihrer Mütze, die Kälte biss in ihre Wangen. Aber sie fühlte keine Angst. Sie fühlte etwas anderes, etwas, das sie lange nicht gespürt hatte. Ein Pochen in der Brust, das nicht vom Herzschlag kam. Ein Lachen, das sich in ihrer Kehle staute. Auf halber Höhe, als der Schlitten durch eine Schneewehe rutschte, hörte sie eine Stimme. Diesmal nicht die der Flocke. Es war ihre eigene Stimme, aber sie war jünger, heller, unbeschwerter. Martha, rief die Stimme. Martha, ich fahre mit dir. Sie öffnete die Augen. Für einen kurzen Moment sah sie an ihrer Seite die Gestalt eines kleinen Mädchens, die Hände an den Schlitten geklammert, die Schneeflocken auf den Wimpern. Dann verschwand die Gestalt wieder, und der Schlitten kam zum Stehen.

Stunden später saß Martha wieder an ihrem Fenster.

Stunden später saß Martha wieder an ihrem Fenster. Der Tee war neu, heiß, und sie trank ihn, während sie auf die nun leere Scheibe blickte. Die Schneeflocke war fort. Kein Kristall klebte mehr am Glas. Aber sie wusste, dass die Flocke nicht einfach verschwunden war. Sie war in die Schneedecke gefallen, die die Stadt bedeckte. Oder vielleicht war sie in ihrem Herzen geblieben, als ein kleiner, kalter Punkt, der sich nicht erwärmen ließ. Martha stand auf und öffnete das Fenster. Die kalte Luft strömte herein, frisch und klar. Sie atmete tief ein, spürte den Schnee, der auf ihrer Haut schmolz. Danke, flüsterte sie in die Leere. Danke, dass du mich gesehen hast.

Wochen später an einem Abend an dem der Schnee erneut fiel klebte eine einzelne Flocke an Marthas Fenster.

Wochen später, an einem Abend, an dem der Schnee erneut fiel, klebte eine einzelne Flocke an Marthas Fenster. Sie war anders geformt als die erste, größer, mit einem unregelmäßigen Muster, das aussah wie ein gefalteter Brief. Martha lächelte. Sie legte die Hand auf die Scheibe und spürte die vertraute Wärme. Du bist zurück, sagte sie. Die Flocke antwortete nicht mit Worten. Sie drehte sich und ließ einen Ton erklingen, der so hell und klar war, dass Martha ihn tief in ihrem Inneren hörte. Ein Ton, der nach einer Schlittenfahrt klang, nach einem Großvater, der pfeift, nach einem Kind, das lacht. Es war der Ton des Winters selbst, der durch die Nacht drang und sich in ihrem Herzen einnistete.

An manchen Winternächten wenn der Schnee in dichten Flocken fällt sitzt Martha an ihrem Fenster und wartet.

An manchen Winternächten, wenn der Schnee in dichten Flocken fällt und die Stadt in ein weißes Schweigen hüllt, sitzt Martha an ihrem Fenster und wartet. Sie weiß nicht, ob die Flocke wiederkommt. Sie weiß nicht, ob sie jemals wiederkommt. Aber sie hält das Fenster offen. Das Fenster in ihrer Wohnung, das Fenster in ihrer Erinnerung, das Fenster in dem Menschen, der sie ist. Und manchmal, wenn der Wind günstig steht, hört sie einen leisen Ton. Ein Klingeln, das nicht von einer Glocke kommt. Ein Flüstern, das ihren Namen trägt. Dann weiß sie, dass die Flocke noch da ist. Irgendwo. Unterwegs. Auf der Suche nach einem Fenster, das offen steht.


Mit herzlichem Dank und den besten Wünschen,
Ihr Kartograf der Kuriositäten und globetrottender Geschichtenerzähler

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*Der geneigte Leser möge entschuldigen, dass wir nicht erwähnen, welche Orte, Ortsnamen und Sehenswürdigkeiten im Verlaufe der vergangenen mehr als 100 Jahre, durch den ersten und zweiten Weltkrieg, viele Jahre entwickelte Sozialistische Gesellschaft und mehrerer Rechtschreibreformen verloren gingen oder geändert wurden.

Quellenangaben:
Inspiriert von den düsteren Erinnerungen an einem herbstlichen Vormittag
Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen,
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie

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